Liebeserklärung eines Frosches


Liebesgeschichte eines Frosches

Die Frau, die zwei Jahre und vier Monate mein Leben begeleitete, verließ mich vor jetzt genauso langer Zeit, unmittelbar nach Weihnachten 2002. Eine für mich absolut überraschende Trennung, denn ich hatte zum Schluss zuviel Vertrauen darin gesetzt, dass wir für immer zusammen bleiben würden. Das Schlimmste: Ich habe mich auch so verhalten. Unschuldig an der Trennung bin ich also absolut nicht, es gibt vieles, was ich gerne ändern oder ungeschehen machen würde. Frühzeitig mehr zu begreifen wäre hilfreich gewesen.

Sie ging ohne Anlass, weil sie, wie sie sagte, mich nicht mehr liebte. Ich kann aber nicht vergessen, will nicht vergessen. Ihren Wunsch nach Aufrechterhaltung einer "Freundschaft" habe ich ausgeschlagen - ich musste damals so handeln, andernfalls wäre ich niemals aus der Dunkelheit, die das Jahr nach der Trennung prägte, herausgekommen. Meine Gefühle sind nicht mehr so, dass ich jeden Tag ständig an sie denken muss, Licht ist wieder in meinem Leben. Es ist wahr: Man tröstet sich immer, auch wenn man alleine zurückbleibt. Aber die Sehnsucht nach dieser schönen Frau ist geblieben und die Frage danach, wie es ihr gehen mag.

Es ist Angst, die mich hindert, einfach anzurufen. Die Kraft und Zuversicht, nicht wieder von einer Welle der Dunkelheit überrollt zu werden, ist an sich vorhanden. Ganz sicher bin ich aber nicht. Noch unsicherer ist die Reaktion, die mich erwartet. Die zärtliche, freundliche Stimme, die ich kannte? ein überraschtes, kühles Hallo? ein trotziges, wütendes 'ruf mich nie wieder an'? Es ist viel Zeit vergangen, es existieren keine gemeinsamen Freunde, ich weiß nichts. Am allerwenigsten, wie meine Gefühle danach sein werden oder wie ich empfinde, wenn es einen anderen in ihrem Leben gibt.

Wenn ich in der Hoffnung schreibe, dass mein Brief hier aufgenommen wird, dann ist das für mich vor allem eines: Eine Absicherung. Hier sind meine Gedanken und Gefühle authentisch festgehalten in einer Zeit zu der ich anrufen möchte. Und ich hoffe darauf, dass es mir hilft, mich selbst wieder aufzufangen, wenn ich mich danach schlechter fühlen sollte.

Aber werde ich überhaupt jemals den Schritt wagen? An ihrer Seite gab es eine Zeit, die so unbeschreiblich glücklich war, dass mir Worte fehlen. Es sind Bilder von einem gemeinsamen Spaziergang in strömendem Novemberregen unter einem großen Schirm, unsere allererste Verabredung mit dem Gefühl des Verlangens, dieser schönene Frau nahe zu sein wollen, die scheinbar so unerschütterliche Liebe, mich nach einem eigentlich unverzeihlichen Fehler wie selbstverständlich mit einem kleinen Blumenstrauß in der Hand auf einem Stein sitzend zu erwarten und in die Arme zu schließen, der liebevolle Umgang mit unserer Urlaubsbekanntschaft, einem weißen Shetland-Pony, das wir auf einer Weide am südöstlichen Zipfel von Rügen kennenlernten. Bilder derer es so viele gibt.

Soviel Angst ich auch habe, sie ist ein Nichts im Vergleich zu den Gefühlen, die nach so langer Zeit verblieben sind. Aber anrufen bedeutet zugleich, sich von Hoffnungen zu verabschieden und die Realität zu konfrontieren. Vielleicht konfrontiere ich sie in den nächsten Wochen. Vielleicht ist die Angst stärker.


Frosch

13. Juni 2005